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SIT-Ansatz wird evaluiert

Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass die Ev. Kinderheim Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund und der Evangelischen Hochschule Berlin derzeit dabei ist, ihren zentralen pädagogischen Ansatz SIT (Systemische Interaktionsberatung) zu evaluieren. Dr. Matthias Euteneuer, einer der durchführenden Forscher der TU Dortmund, beschreibt in folgendem Bericht den beabsichtigten Verlauf der Studie.

Evaluation des systemisch-interaktionstherapeutischen Beratungsansatzes (SIT) in Herne, Iserlohn & Berlin

Die Ev. Kinderheim Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH, ihre Tochtergesellschaft Explicato gGmbH, die JaKuS gGmbH Berlin sowie das Jugendamt der Stadt Iserlohn arbeiten inzwischen langjährig mit dem SIT-Ansatz in verschiedenen Settings und Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Dabei haben sie den in den 1990er Jahren von Michael Biene in Berlin entwickelten Ansatz vielfältig weiterentwickelt und begreifen sich in der Umsetzung gegenwärtig als bundesweit führend. Neben stationären Settings, in denen die ganze Familie aufgenommen wird, wird er inzwischen auch in teilstationären sowie ambulanten Settings angewendet und dient in Iserlohn zudem als zentrale Arbeitsgrundlage des öffentlichen Jugendhilfeträgers. Der Arbeit mit SIT schreiben die beteiligten Fachkräfte dabei eine überzeugende Wirkmächtigkeit in verschiedenen Settings zu. Nicht zuletzt auch das in der Jugendhilfelandschaft außergewöhnliche Konzept der Triangel-Eltern-Kind-Häuser, in denen ganze Familien aufgenommen werden, wird als konstruktive Bereicherung erlebt.

Da über die Erfolgserfahrungen der PraktikerInnen hinaus eine ausführliche, systematische und wissenschaftliche Untersuchung der Arbeit mit SIT bis dato fehlt, hat das Kinderheim Herne eine umfassende Evaluation des Ansatzes in Auftrag gegeben. Ziel ist es, fundierte Einschätzungen über die Wirkungsweise und die (nachhaltigen) Erfolge der Hilfen geben zu können. Dabei folgt die Evaluation eng den im SIT-Ansatz formulierten Zielen und Ansprüchen und beleuchtet diese umfassend aus der Perspektive der Eltern sowie der MitarbeiterInnen in den SIT-Hilfen und im Jugendamt Iserlohn. Neben Einschätzungen zu dem Umfang der Zielerreichung sollen auch Annahmen über zentrale ‚Wirkungsweisen‘ des Ansatzes kritisch geprüft werden. Schließlich wird überprüft, inwiefern es gelingt, Belastungen im Familienalltag zu reduzieren und Ressourcen der Alltagsbewältigung zu erschließen.

Der SIT-Ansatz als eine speziell an die Jugendhilfe angepasste Variante lösungsorientierter und systemischer Beratungsansätze ist dabei durch vier zentrale Annahmen gekennzeichnet: Es wird angenommen, dass (1) eine aktive Haltung bzw. ein aktiver „Zustand“ der Eltern Grundvoraussetzung für eine positive Entwicklung der Kinder in Familien ist. Aus dieser Perspektive zeigt sich oftmals, dass klassische Jugendhilfeangebote oft zu geringe Aktivierungsmöglichkeiten für Eltern zulassen. Aus der Sicht von SIT ist damit die (2) (In-)Aktivität der Eltern nicht vorrangig durch die individuellen Sichtweisen der Kinder, Jugendlichen und Eltern auf die (mutmaßlichen) Probleme oder die familialen Dynamiken in der Herkunftsfamilie (systemische Sicht 1. Ordnung) zu erklären, sondern wird vielmehr bestimmt durch Haltungen, Erklärungsmodellen und Problemdefinitionen der Helfenden sowie die Interaktionsmuster, die sich zwischen Familien und dem Helfersystem einstellen (systemische Sicht 2. Ordnung). Zentrale Forderung des SIT-Ansatzes ist also, dass die Akteure des Hilfesystems ihr Handeln verstärkt reflektieren müssen, um eine „ungewollte aber wirkungsvolle“ (Biene 2011, S.23) Deaktivierung von Eltern zu vermeiden. Gelingt dies, so liegt der weitere Fokus des Konzepts darauf, (3) die Eltern dazu zu befähigen, konkrete Hilfeziele aus meist generalisierten Problemwahrnehmungen herauszukristallisieren und (4) kreative Veränderungsmöglichkeiten für die alltäglichen familialen Interaktionsmuster zu entwickeln und auszuprobieren. Insgesamt verfolgt SIT damit den Anspruch, Veränderungen im Falle festgefahrener Eltern-Kind-Umwelt-Konflikte erzielen zu können, die sich teilweise im Kontext von Vorläuferhilfen verfestigt haben sowie bei Familien, in denen Hilfen aus anderen Gründen eher stagnierend verliefen.

Die praktische Arbeit mit dem Ansatz lässt sich in drei Phasen untergliedern: (1) Im Vordergrund der Hilfe steht zu Beginn sowie im fortlaufenden Prozess die Entwicklung eines sog. „Kooperationsmusters“, welches als elternaktivierendes Interaktionsmuster zwischen Helfersystem und Familie verstanden werden kann. Dabei zielt das Kooperationsmuster darauf ab, dysfunktionale Mustertypen aufzulösen, in denen die Familien sich gegen das aus ihrer Sicht unberechtigte Hilfeangebot abwenden („Kampfmuster“) oder in denen die Familien ihre Probleme an das Helfersystem abgeben („Abgabemuster“). (2) Konkrete Hilfeziele können erst dann formuliert werden, wenn Helfersystem und Eltern im Kooperationsmuster interagieren und damit eine Fokussierung der Problemlage erst ermöglichen, indem generalisierte Deutungen in greifbaren Problembeschreibungen konkretisiert werden. (3) Von den Hilfezielen ausgehend, können dann gemeinsam mit den Eltern problemstabilisierende Interaktionsmuster im Alltag ermittelt und alternative Verhaltensmuster erarbeitet werden. Übergreifend über alle drei Phasen ist zentraler Ansatz von SIT, die bestehenden „inneren“ Bilder der Eltern und Fachkräfte zu identifizieren, ein Umdenken der Erlebnisse zu schaffen und damit neue Bilder zu ermöglichen.

Die Evaluation dieses umfassenden Arbeitsansatzes ist in vier Teilstudien untergliedert und soll die SIT-Arbeit multiperspektivisch erschließen: (1) den ersten Teil der Studie bildet eine teilstandardisierte Telefonbefragung ehemaliger NutzerInnen der SIT-Hilfen, die erste Aufschlüsse über Wirkungsgrad und Nachhaltigkeit der erlebten Hilfen geben wird. (2) Diese Ergebnisse werden vertieft durch die Auswertung und Beobachtung laufender Fallverläufe. Um die laufenden Fallverläufe adäquat dokumentieren und auswerten zu können, wurden mit den Fachkräften der Jugendhilfeeinrichtungen (im Sinne partizipativer Forschungsansätze) Dokumentationsbögen entwickelt, die eine Fallportfolioarbeit ermöglichen. Diese Form der Falldokumentation erfordert eine hohe Motivation und viel Engagement der MitarbeiterInnen. Sie ermöglicht aber einen guten retrospektiven Nachvollzug der Fallverläufe und eröffnet die Möglichkeit (3) zu bestimmten hilferelevanten Zeitpunkten qualitative Interviews mit den Eltern durchzuführen. Diese geben Aufschluss über das Erleben von SIT aus Perspektive der Eltern und lassen Hypothesen über die Wirkungsweisen von SIT zu. Der letzte Teil der Studie umfasst (4) ExpertInneninterviews sowie Gruppendiskussionen mit Fachkräften des Jugendamtes Iserlohn. Hier geht es darum, Erfahrungsberichte in der konkreten Anwendung des SIT-Ansatzes bei einem öffentlichen Jugendhilfeträger einzuholen und Möglichkeiten sowie Potentiale des Konzepts auszuloten. Derzeit laufen in allen vier Teilstudien Erhebungen und Auswertungen. Weitere Ergebnisse sind Ende 2018 bis Anfang 2019 zu erwarten.

Leitung: Prof. Dr. Uwe Uhlendorff (TU Dortmund)

Durchführung: Dr. Matthias Euteneuer (TU Dortmund), Prof. Dr. Mathias Schwabe (Evangelische Hochschule Berlin), David Vust (INIB – Institut für Innovation und Beratung Berlin)

Literatur:

Biene, Michael (2011): Systemische Interaktionsberatung – Einführung. S. 13-137 in: Volker Rhein (Hrsg.): Moderne Heimerziehung heute Bd. 2 & 3: Die Systemische Interaktionstherapie und die Psychomotorik in der Intensivpädagogik. Frischtexte-Verlag: Herne.

Matthias Euteneuer, TU Dortmund, Fakultät 12 Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie, Emil-Figge-Str. 50, 44227 Dortmund

E-Mail: matthias.euteneuer@tu-dortmund.de

 

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