1. Kurzkonzept

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft (SPL) ist ein Angebot der Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht.

In der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft Dinslaken, Marthastr. 36 lebt eine Dipl. Sozialpädagogin zusammen mit ihrem Ehemann, zwei eigenen Kindern und zwei Kindern, die gemäß § 34 SGB VIII in die pädagogische Wohnform Aufnahme finden. Die Kinder werden in die Normalität ihrer Leben und der Familie integriert. Institutionell begleitet übernimmt die pädagogische Fachkraft die erzieherische Verantwortung im System rund um die Uhr.

In besonderer Ausprägung finden hierbei pädagogische Bemühungen und professionalisierte Beziehungen im gemeinsamen Alltag eines verbindenden Zusammenlebens statt. Trotz dieser umfassenden Einbindung orientiert sich unser Ansatz jedoch grundsätzlich und immer wieder von neuem am ursprünglichen Selbstverständnis als ergänzende Maßnahme, sowohl im Hinblick auf andere Formen erzieherischer Hilfen als auch und vor allem im Hinblick auf die Herkunftsfamilie.

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft versteht sich somit primär als eine unter pädagogischen Vorgaben und professionellen Strukturen angelegte Form des Zusammenlebens auf einzelfallbestimmte Zeit. Sie bietet Kindern einen normalen und normativen Lebensort, an dem sie anders leben, sich anders fühlen, erfahren und entwickeln können. Sie bietet Eltern einen Raum der Entlastung, der Teilhabe und der Veränderung. Sie bietet als gemeinsames Ziel und Option Möglichkeiten einer veränderten und geklärteren Beziehung.

2. Lage der Einrichtung

In einem geräumigen Haus befindet sich auf ca. 150 m² Wohnfläche das Zuhause unserer Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft Dinslaken. Zu dem Gebäude gehört ein großzügiger Garten, der kindgerecht gestaltet ist

Die Einrichtung liegt in einem ruhigen Wohnbereich der Stadt Dinslaken.

3 . Aufnahme

3.1 Kriterien

Wir vertreten den Anspruch, daß eine Unterbringung nur auf der Grundlage von Freiwilligkeit, Akzeptanz und Kooperation stattfinden kann. Unter Berücksichtigung des Altersspektrums sowie der möglichen Besonderheiten elterlicher Sorge können wir in dieser Betreuungsform Kinder aufnehmen,
denen nach fachlichem Ermessen andere Formen erzieherischer Hilfen (z. B. Pflegefamilien, Wohngruppen) nicht so gerecht werden können und
welche die aufnehmende Lebensgemeinschaft weder in ihrer professionellen Funktion, noch in ihrer privaten Existenz ernsthaft und absehbar gefährden dürfen.

In Bezug auf Konstellation und Struktur unserer Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft legen wir Wert auf eine ausgewogene Zusammensetzung und vertretbare Größe der Gruppe, welche grundsätzlich und strukturell auf 2 Plätze und entsprechende Problemstellungen und Risiken begrenzt sein wird.

Weiterhin setzen wir im Falle einer eindeutigen Option auf Rückführung bezüglich der Unterbringung die Akzeptanz der Eltern und ihre Bereitschaft zu aktiver Mitwirkung und Mitgestaltung des Gesamtprozesses voraus.

3.2 Aufnahmeprozess

Eine Unterbringung in die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft, die geprägt wird von einem hohen Maß an Intimität und Beziehungsdichte, bedarf eines äußerst sorgfältigen, behutsamen und nachhaltigen Aufnahmeprozesses von klärender Vorbereitung und Entscheidungsfindung. Die professionelle Fachlichkeit der Lebensgmeinschaft vollzieht sich inhaltlich und formal in Diagnose, Planung und Konsensfindung (Anfrage, Vorstellungs-und Aufnahmegespräch). Alltagspraktische Relevanz und Tragfähigkeit gewinnt eine Entscheidung letztendlich jedoch nur, wenn auch die nichtprofessionellen Aspekte in dieser Lebensgemeinschaft hinreichend Berücksichtigung finden (Kinder, Familie etc.).

Vor einer Aufnahme findet zwingend ein Prozeß selbstkritischer Hinterfragung und Überprüfung statt, in dem sowohl die professionelle als auch die nichtprofessionelle Ebene mit einbezogen wird. Hier muß letztendlich geklärt werden, ob und wie weit die vorliegende Einzelfallproblematik in das bestehende Gemeinschaftssystem integrierbar ist.

4. Zielgruppe

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft richtet sich an Kinder von 1- 6 Jahren, die aufgrund komplexer Probleme, unterschiedlicher Bedürfnisse, bzw. erzieherischer Überforderungen seitens der Herkunftsfamilie einer gezielten individuellen Betreuung bedürfen, wie auch intensive Zuwendung in einem entwicklungsfördernden Lebensumfeld außerhalb der Familie benötigen.

Oftmals sind sie

äußerst verhaltensauffällig (aggressiv, unkonzentriert, distanzlos etc.)
in vielen Bereichen entwicklungsverzögert und -beeinträchtigt
physisch, psychisch und emotional verwahrlost oder davon bedroht
ängstlich und schutzbedürftig (Mißbrauchs- oder Mißhandlungserfahrung)
ambivalent, gefühlsbelastet und desorientiert (familiäre Konflikte und Aggression)
narzisstisch, traumatisiert und abgewandt (Scheidung, Trennung, Beziehungsverlust)

In der Regel benötigen sie

überschaubare und klare Rahmenbedingungen
gesicherte und verläßliche Beziehungen
intensive und dauerhafte emotionale Zuwendung
schützende Geborgenheit im vertrauten Rahmen
individuelle Bedürfnisbefriedigung und Nachbergung
aufwendige medizinisch-therapeutische Fürsorge und Pflege
Förderung und Unterstützung im Lern-/ Leistungsbereich
Heilpädagogische Förderung und Begleitung

5. Förderziele

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft ist darauf ausgerichtet, im gemeinsamen Alltag eines verbindenden Zusammenlebens Stabilität und Kontinuität in den Beziehungen wiederherzustellen und neu zu entdecken. Der überschaubare und lebensnahe Rahmen bietet in besonderem Maß emotionale und persönliche Zuwendung sowie Schutz, Halt und Geborgenheit. Die Umsetzung dieser Vorgaben findet in verläßlichen Sekundär- und unter Umständen auch Primärbeziehungen statt.

Ziel der Maßnahme ist eine umfassende Gewährleistung und ressourcenorientierte Förderung individueller Entwicklung sowie die Bewältigung von Lebenskrisen. Dieses geschieht vor dem Hintergrund unterschiedlicher zeitlicher Vorgaben und ist charakteristisch am Prinzip einer weitestgehenden Normalisierung orientiert.

Entsprechend dem Alter, Entwicklungsstand sowie der Einzelfallproblematik können sowohl die Rückführung und Reintegration in die Herkunftsfamilie als auch die Hinführung zu selbständiger Lebensführung handlungsleitende Ziele der Betreuung sein.

6. Methoden

Leistungsbereiche der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft

Alltag und Zusammenleben


Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft versteht sich als ein Ort des gemeinsamen Lebens und Lernens, in welchem eine normalisierte Alltäglichkeit gemeinsame Bedingungen und geregelte Selbstverständlichkeiten herstellt.

Gesichert in der vertrauten Beziehung nach innen und stabil in der Begegnung nach außen, integriert diese Lebens- und Betreuungsform in besonderer Weise fachliche und inhaltliche Notwendigkeiten sowie individuelle und persönliche Bedürfnisse. Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft ist ein Ort des permanenten Aushaltens und Aushandeln von Befindlichkeiten, des Wohlfühlens und Beschütztwerdens, intimer Geborgenheit und gesicherter Reibung. Sowohl die Einbindung in das soziale Umfeld, die Nachbarschaft und Verwandtschaft, als auch die Gestaltung einer kindgerechten Atmosphäre motivieren die Kinder, sich für einen gewissen Zeitraum auf diese alternative Lebensform einzulassen.

Um entwicklungsabhängigen Kompetenzen und altersentsprechenden Be-dürfnissen adäquat begegnen zu können, bestehen viele Gestaltungsmöglichkeiten, der Unterbringung in Einzelzimmern sowie der Nutzung bereits bestehender Spiel-, Sport-, wie auch Freizeit- und Kulturangebote im Umfeld.

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft ist ein Ort, an dem den Kindern gezielt Lern- und Erfahrungsfelder sowie emotionale Sicherheiten angeboten werden, um durch Veränderungen Entwicklungen einzuleiten und auszuweiten. Die klare Struktur in der Gestaltung von Regeln im Alltag sowie in der erlebbaren Selbstverständlichkeit von Routine und spannenden Höhepunkten bieten Sicherheit, Orientierung und Stabilität, aber auch Freiräume zur Selbsterfahrung und -findung. Die Normalität der Alltagsvorzüge wird strukturell und zielgerichtet durch spezifische Settings ergänzt, z.B. durch einzelfallorientierte Förderung.


Freizeitgestaltung

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft gestaltet Freizeit, indem sie Interessantes im und am Alltag anbietet und entdeckt. Im Vordergrund steht nicht das ausschließlich unterhaltende Versorgen und Eingehen auf Bedürfnisse und Erwartungshaltungen der Kinder und Jugendlichen. Weit mehr geht es unter den Prämissen persönlicher Entfaltung und sozialer Integration um eine sinnvolle Gestaltung zeitlicher Freiräume.

Handlungs- und erlebnisorientiert bieten sich vielfältige Möglichkeiten, interessante Höhepunkte in den Alltag zu integrieren und Begegnungsfelder zu schaffen, die im gemeinsamen Tun weitgehend konflikt- und anspruchentlastet sind.

Diese aktive Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben findet statt im spontanen Erlebnis sowie in strukturierten Angeboten (Tages- und Wochenendunternehmungen, Freizeitmaßnahmen in Ferien- und Urlaubszeiten, themenzentrierten und kreativen Beschäftigungen).

Ausgehend vom Grundansatz und orientiert am Prinzip der Normalisierung forcieren und unterstützen wir eine regelmäßige Teilnahme an Freizeitangeboten des näheren Umfeldes sowie die Integration in das Gemeinwesen.


Familien- und Elternarbeit

Wir gehen davon aus, daß Kinder in ihrer Problemstellung Symptomträger von dysfunktionalen Systemen sind.

Aufnahme und Betreuung in der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft sind ein Ergebnis unbewältigter Krisen und erzieherischer Überforderung in der elterlichen Familie. Im Selbstverständnis dieses Ansatzes möchten wir von daher erreichen, daß unter jeweiliger Berücksichtigung von Alter und Entwicklungsstand das Kind

sich mit seiner familiären Biographie auseinandersetzt
veränderte familiäre Beziehungsmuster und Interaktionsformen entwickelt
perspektivische Optionen bewahrt oder herstellt, um in die Familie zurückzukehren

Als grundsätzliche Intervention soll die Herkunftsfamilie als Bezugssystem für das Kind so weit und so lange wie möglich verantwortbar erhalten bleiben. Eine verbindliche und regelmäßige Einbeziehung der Eltern in den pädagogischen Prozeß wird angestrebt. Inhalte von Familienarbeit/-beratung können sein:

Findung von gemeinsamen Zielsetzungen und Verbindlichkeiten
Transparenz und Informationsaustausch
Bewältigung ambivalenter Einstellungen zur Maßnahme
Abbau von Verlust- und Trennungsängsten
Entwicklung von zufriedenstellenden Begegnungsformen und Perspektiven
Begleitung/Unterstützung bei Rückführung der Kinder in die Herkunftsfamilie

Methodisch kommen in der Arbeit Elemente der systemischen Familienberatung/-therapie zum Tragen.

7. Zusammenarbeit

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft arbeitet mit allen notwendiegen Institutionen der Stadt Dinslaken zusammen.

8. Einbindung in die Institution und Vernetzung

Das Betreuungssetting der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft erschließt in umfassender Weise inhaltlich und methodisch, fachlich und menschlich spezifische Qualitäten und Intensitäten im Kontext von Alltag, Beziehung und Pädagogik.

Aber gerade um im Spannungsfeld von Nähe und Distanz, der grundsätzlichen Ambivalenz von Privatheit und Professionalität, diese Besonderheiten optimal nutzen zu können sowie dauerhaft und zufriedenstellend zu bewahren, bedarf es in besonderer Weise einer institutionellen Anbindung im Rahmen einer spezifisch ausgestalteten Organisationsform und struktureller Eindeutigkeit.

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft findet nahezu im privaten Rahmen statt. Zusammenleben läßt sich nicht per Dienstvertrag ausreichend und angemessen regeln, anweisen und beaufsichtigen sowie auf formale und professionelle Aspekte reduzieren, zumal das Tarifrecht und das AZG entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten weitgehend behindern.

Die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft findet auch im Kontext institutioneller Vernetzung statt. Zielsetzung ist hier eine Qualität von Kooperation und Identifikation, die im gemeinsamen Verbund ausreichend Optionen schafft und Ressourcen bereithält, um in einem begrenzten Ausmaß Krisensituationen zu bewältigen, vorübergehende Notlagen aufzufangen sowie ausreichende Möglichkeiten von Entlastung zu gewährleisten. Intention ist ein Prinzip von präventiver und intervenierender Problemvermeidung und -bewältigung, welche primär und auf Dauer den Bestand und die Qualität dieses einzelnen Betreuungssystems sichern kann.

Zielsetzung ist auch eine emotionale Geborgenheit und Sicherheit im Alltagshandeln, die auf fachlichen Austausch, Reflexion und Weiterentwicklung im Kontext und Konsens einer Gemeinschaft beruht.

Regelmäßige Fachberatungen, Teamgespräche und Coachings durch die pä-dagogische Leitung - themenbezogen und entscheidungsorientiert - sowie eine übergreifende und verpflichtende Bereitstellung fachlicher und zeitlicher Kapazitäten bilden die Grundlage der Vernetzung.

Institutionelle Vernetzung und institutionalisierte fachliche Standards stützen und stabilisieren die sozialpädagogische Lebensgemeinschaft in unmittelbarem und zeitnahem Bezug zu ihren Problemstellungen.

Unter der Vorgabe von Kontinuität, Aktualität und präventiver Vorbeugung orientiert sie sich an der Intention und Option, Konflikte und Krisen im zeitlichen und räumlichen Bezug von Ursache und Wirkung grundsätzlich zu bewältigen und nach Möglichkeit zu vermeiden.

Für die Praxis bedeutet dies das Zurückgreifen auf Intervision und interdisziplinäre Dienste. Die Begleitung durch den interdisziplinären therapeutischen Dienst runden die institutionelle Einbindung und Vernetzung ab.

Die Verfügbarkeit von Aushilfskräften sowie die abgestimmte Einbeziehung alternativer Betreuungsangebote bei längerfristigem Ausfall der betreuungsführenden Personen oder bei Auflösung dieser Betreuungseinheit ergänzen und vervollständigen somit das Gesamtkonzept.

9. Weiterführende und ergänzende Maßnahmen

Andere Angebote unseres Hauses, die Sie auf unserer Website http://www.ev-kinderheim-herne.de finden, können ebenfalls wahrgenommen werden.

10. Zusammenarbeit mit den Jugendämtern

Die Modalitäten für die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern ergeben sich zum einen aus dem SGB VIII und zum anderen aus Absprachen und Notwendigkeiten des Einzelfalles.

11. Mitarbeiter ( Anforderungprofil )

Die besondere Ausgestaltung, Intensität und Ambivalenz der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft erfordert im erzieherischen Alltag und in der Begegnung ein besonderes Maß an fachlicher und persönlicher Kompetenz seitens der Betreuungsleistenden. Von hoher Relevanz ist eine ausgeprägte idealistische Grundeinstellung, emotionale und psychische Belastbarkeit sowie motivationales Durchhaltevermögen. Unabdingbare Voraussetzung ist eine grundlegende erzieherische Qualifikation sowie ausreichende und arbeitsrelevante Praxis.

Die Entscheidung, ins eigene Privatleben solch eine schwierige und oft belastende Verknüpfung von Alltag und Pädagogik aufzunehmen und auf Dauer zu integrieren, bedarf schon im Vorfeld einer sorgfältigen Reflexion sowie nachhaltiger und kritischer Selbstüberprüfung. In besonderer Weise bezieht die Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft auch den Lebenskontext und das nähere soziale Umfeld des Betreuungsleistenden in die pädagogische Maßnahme mit ein.

12. Personalanhaltswert/Personalschlüssel

Pädagogische Fachkräfte : 0,55Vollkraft zu 1 zu Betreuenden

Aufnahmeanfragen richten Sie bitten an

Evangelisches Kinderheim
Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH
Overwegstr. 31. 44625 Herne, Tel: 02323 99 494 0 / 61
Fax: 02323 99 494 - 55

oder die Erziehungsleitung

Frau Plennis Mobil: 0176 / 10986807


Herne, Juli 2011 Konzept 55