Konzeption zur ambulanten Förderung von
Menschen mit Autismus nach Asperger
1. Die ambulante Förderung von Menschen mit Autismus nach
Asperger ist ein
Jugendhilfeangebot für den Einzelfall auf der Grundlage des § 35a
SGB VIII
Die individuelle, bedarfsorientierte Hilfe wird flexibel der
Entwicklung des Klienten angepasst. In der Regel können für die
Betroffenen, deren Familien und deren sonstigen sozialen Bezüge
Voraussetzungen geschaffen werden, die es ermöglichen, neue
Kommunikations- und Verhaltensmuster zu erlernen. Dazu gehört
zunächst das Einordnen des Krankheitsbildes, sowie das Verstehen,
warum der Betroffene ein nicht erwünschtes Verhalten zeigt.
Es ist nicht Ziel der ambulanten Betreuung, Heimunterbringungen zu
verhindern, sondern den Betroffenen zu helfen, ausgeprägte
Überforderungsmuster oder schwer gestörte und belastende
Interaktionsmuster zu erkennen und in akzeptierbarer Form zu
verändern. In diesem Sinn kann es sehr wohl Ziel der Arbeit sein,
Ablösungsprozesse einzuleiten, realistische Haltungen zu
Trennungssituationen zu entwickeln und so Voraussetzungen für
familiäre Lernprozesse auch während einer Fremdplatzierung zu
schaffen.
Auch kann es für den Betroffenen hilfreich sein, eine
autismusspezifische Therapie einzuleiten.
Methodisch gearbeitet wird nach dem TEACCH Ansatz (Treatment and
Education for Autistic and other Communicationdisabled Children and
adults), der sich als ein Ansatz des strukturierten Lehrens und
Lernens für Menschen mit schwerwiegenden Problemen im perzeptiven,
kommunikativen und interaktiven Bereich versteht. Das TEACCH Konzept
wurde in North Carolina entwickelt. Der alltagsorientierte,
emanzipatorische Ansatz des Modells umfasst die Bereiche:
- Soziale Kompetenzen
- Kommunikationskompetenzen
- Freizeitkompetenzen
- Selbstbestimmung/Selbständigkeit
- Verhaltensmanagement
Entwicklung des TEACCH Ansatzes:
Von seinen Wurzeln her ist der TEACCH Ansatz ein
verhaltenstherapeutischer Ansatz. Er nutzt gezielt die Prinzipien
nach denen jeder Mensch lernt. Das Vorgehen in kleinen, aufeinander
aufbauenden Schritten, eine genaue Beschreibung von dem, was
erreicht werden soll, und die Dokumentation in der Umsetzung, um zu
überprüfen, ob die Ziele erreicht wurden, sind Teile der
Verhaltenstherapie, die auch heute noch im TEACCH Ansatz eine
wichtige Rolle spielen.
In den letzten 30 Jahren hat sich die Verhaltenstherapie jedoch
weiterentwickelt, und auch der TEACCH Ansatz ist nicht bei dem
stehen geblieben, was in den siebziger Jahren der Stand in
Wissenschaft und Praxis war. Zum einen unterschied sich der TEACCH
Ansatz von anderen verhaltenstherapeutischen Programmen schon damals
in seiner Betonung der entwicklungsorientierten Förderung. Die
Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie bildeten für die
Förderplanung eine wichtige Grundlage. Anstatt eine bestimmte
Fertigkeit oder ein „erwünschtes Verhalten“ einfach durch
konsequente Verstärkung anzutrainieren, wurde zunächst überprüft, ob
das Kind die Voraussetzungen mitbrachte, um das Verhalten zu
erlernen. War dies nicht der Fall, musste an einer anderen Stelle
angesetzt werden und dem Kind Gelegenheit gegeben werden, erst
einmal diese Voraussetzungen zu entwickeln. Ein solches Vorgehen
machte eine auf die Entwicklung des Kindes ausgerichtete
Förderdiagnostik erforderlich, durch welche sich das TEACCH Programm
ebenfalls von anderen Programmen unterschied.
Anders als die „klassische“ Verhaltenstherapie legt der TEACCH
Ansatz, großen Wert auf die Erkenntnisse der kognitiven Psychologie
und der Neuropsychologie. Das heißt, er berücksichtigt das, was im
Gehirn vor sich geht und somit das nach außen, sichtbare Verhalten
beeinflusst. Die Erkenntnis, dass Verhalten nicht nur durch die
Reaktion der Umwelt gesteuert wird, sondern dass Denken,
Vorstellungen und Einstellungen eines Menschen ganz wesentlich
mitbestimmen, wie er sich verhält, ist für den TEACCH Ansatz
prägend. Es geht darum Zusammenhänge verständlich und Erwartungen in
Bezug auf bestimmte Verhaltensweisen einsichtig zu machen. Anhand
von Hinweisen, wann welches Verhalten angemessen ist, können oft im
Vorfeld viele sonst kritische Situationen entspannt werden. Dieses
Vorgehen fördert die Fähigkeit zum eigenständigen Handeln, da es auf
Einsicht und Verständnis beruht. Durch die Bemühungen, bereits
vorbeugend aktiv zu werden, muss viel seltener darauf
zurückgegriffen werden, dass Auftreten bestimmter Verhaltensweisen
zu beeinflussen, indem man es im Nachhinein durch entsprechende
Konsequenzen verstärkt.
Anstatt einzelne Fertigkeiten isoliert anzutrainieren, wird im
TEACCH Ansatz Wert darauf gelegt, möglichst viele „natürliche“
Situationen für die Förderung zu nutzen und Handlungen in einen
sinnvollen Zusammenhang einzubetten. Auch sind sogenannte
„problematische“ Verhaltensweisen oft nicht direkt Gegenstand einer
Maßnahme. Vielmehr versucht man die tiefer liegende Ursache für das
beobachtbare „Problemverhalten“ zu finden, die meist darin besteht,
dass dem Betreffenden andere Strategien fehlen, um mit der
schwierigen Situation umzugehen. Anstatt dann am Problemverhalten
anzusetzen und zu versuchen, es zu unterbinden, ist in der Regel
eine systematische Entwicklungsförderung (z.B. im Bereich der
Kommunikation oder der selbständigen Beschäftigung) sinnvoll.
Aufgrund der Forschungsergebnisse aus den Bereichen der kognitiven
Psychologie und Neuropsychologie lassen sich gezielt Strategien
ableiten, die im Zusammenhang mit lerntheoretischen Erkenntnissen
für eine effektive Förderung von Menschen mit Autismus geeignet
sind.
Das Angebot der ambulanten Betreuung umfasst folgende Bereiche:
1.1 Einzelförderung von Menschen mit Autismus nach Asperger:
- Erlernen unterschiedlicher Kommunikationsformen
- Förderung im Bereich der sozialen Kompetenz
- Förderung im Bereich der Wahrnehmung
- Förderung im Bereich der Selbständigkeit
- Hilfestellungen im Bereich der Kontaktaufnahme
- Hilfestellungen im Bereich der Freizeitgestaltung
- Erkennen eigener Fertigkeiten
- Erkennen von Lebensfreude
1.2 Beratung der Familie:
- Einordnen des Krankheitsbildes Autismus nach Asperger
- Schwieriges Verhalten verstehen lernen
- Erkennen, welche Rahmenbedingungen ein Mensch mit Autismus nach
Asperger benötigt
- Hilfestellung bei der Strukturierung des Alltags
- Hilfestellung bei der Integration in die Familie
- Hilfestellung bei der Findung einer geeigneten Schul- und
Ausbildungsform
- Hilfestellung bei der Findung eines geeigneten Arbeitsplatzes
- Hilfestellung bei der Findung einer geeigneten therapeutischen
Maßnahme
1.3 Beratung von Lehrern und Ausbildung:
- Schulbegleitung
- Einordnen des Krankheitsbildes
- Hilfestellungen im Umgang mit autistischen Menschen nach Asperger:
1. Schaffung eines geeigneten Arbeitsplatzes
2. Schaffung einer geeigneten Pausensituation
3. Schaffung von Rückzugsmöglichkeiten für den Betroffenen
- Integration des Betroffenen in die Klasse
- Beratung bei Klassenfahrten
2. Einbindung in die Institution
Regelmäßige Fachberatungen, Teamgespräche und Coachings werden durch
die pädagogische Leitung der Jugendhilfeeinrichtung gewährleistet,
Diagnostik, Therapie und Krisenintervention durch den
interdisziplinären therapeutischen Dienst des Kinderheimes
sichergestellt.
Fall- und Teamsupervision werden von externen Fachkräften geleistet.
Außerdem können alle weiteren Dienste/Fachkräfte der Einrichtung in
Anspruch genommen werden, wie Freizeitpädagoge, Lehrer,
Qualitätsbeauftragter, Fahrdienst etc.
3. Weiterführende und ergänzende Maßnahmen
Sämtliche Angebote unseres Hauses, die aus dem beigefügten
Organigramm entnommen werden können, sowie nachgehende ambulante
Familienarbeit, können als Folgeangebote ebenfalls wahrgenommen
werden.
4. Zusammenarbeit mit den Jugendämtern
Die Modalitäten für die Zusammenarbeit mit Jugendämtern ergeben sich
zum einen aus dem KJHG, zum anderen aus Absprachen und
Notwendigkeiten im einzelnen Fall. Im Sinne eines funktionierenden
vernetzenden Angebotes ist es notwendig, dass auch Vertreter der
Jugendämter von Anfang an und dauerhaft intensiv an der Gestaltung
des Hilfeprozesses beteiligt sind.
Erläuterungen zur Konzeption
Ambulante Förderung von Menschen mit Autismus nach Asperger
Mit autistischen Störungen leben lernen
1. Was ist Autismus nach Asperger Definition:
Die Bezeichnung „Asperger-Syndrom“ (AS) umschreibt eine ausgeprägte
Kontakt- und Kommunikationsstörung, die spätestens im Vorschulalter
sichtbar wird und durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist:
1. Qualitative Beeinträchtigung der gegenseitigen Interaktion. Diese
zeigt sich:
- in der Unfähigkeit, eine nonverbale Kommunikation durch
Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und
Gestik herbeizuführen
- in der Unfähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen mit
gemeinsamen Interessen,
Aktivitäten und Gefühlen
- in dem Mangel, Gefühle anderer aufzunehmen und auf diese
angemessen zu reagieren
- in der Unfähigkeit, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten
mit anderen zu teilen.
2. Ungewöhnliche, intensiv verfolgte umschriebene Interessen oder
begrenzte repetitive und
stereotype Verhaltensmuster und Aktivitäten. Solche Interessen, die
monoman und zeitlich ausgedehnt verfolgt werden, sind beispielsweise
Beschäftigungen mit U-Bahn Fahrplänen, mit Schmelzpunkten von
Metallen, mit geschichtlichen Daten, Burgen, Zügen oder der
Planetenkonstellation.
3. Motorische Ungeschicklichkeit, die sich in Form einer linkischen
Motorik, einer Koordinationsstörung und hölzern wirkenden, wenig
integrierten Bewegungen äußert.
In der Sprachentwicklung finden sich im Gegensatz zum frühkindlichem
Autismus (Kanner-Syndrom) keine Einschränkungen. Auch gibt es im
kognitiven Bereich keine bedeutsamen Einschränkungen. Die
Sprachentwicklung setzt in der Regel sehr früh ein. Nicht selten
kommt es zu einer sehr elaborierten Sprache mit ausgeprägtem
Wortschatz und überartikulierter Aussprache.
Seit der ersten Beschreibung dieses Syndroms durch Hans
Asperger(1944) hat das Interesse an dieser Störung zugenommen,
insbesondere seit Lorna Wing (1981) das Syndrom auch in der
englischsprachigen Welt bekannt gemacht hat. Die Störung hat aber
relativ spät als eigendiagnostische Kategorie in die international
gebräuchlichen Klassifikationssysteme Einzug gehalten. Im Jahre 1991
in das internationale Klassifikationssystem der WHO (ICD 10) und
erst 1994 in das Statistische Manual psychischer Störungen (DSM-IV).
Seither wird das Asperger Syndrom zu den „tiefgreifenden
Entwicklungsstörungen“ gerechnet.
1.1 welche Probleme haben Menschen mit Autismus nach Asperger?
Autismus nach Asperger wird häufig erst recht spät entdeckt.
Zunächst wirken die Betroffenen völlig „normal“, können sprechen,
sind meistens auch recht sprachgewandt. Häufig hat der Betroffene
eine übergenaue oder pedantische Ausdrucksweise. Man gewinnt nicht
selten den Eindruck, als spräche man mit einem menschlichen
Wörterbuch. Recht früh stellen sich aber Auffälligkeiten in sozialen
Situationen ein. Der Mangel an sozialen Fähigkeiten, die begrenzte
Möglichkeit, einen wirklichen Dialog zu führen und das intensive
Interesse an einem bestimmten Thema sind wesentliche Züge der
Beeinträchtigung. Von der Umwelt werden diese Menschen schon sehr
früh als schwer erziehbar eingestuft. Die Diskrepanz zwischen
scheinbaren intellektuellen Fähigkeiten und gleichzeitigen
Schwierigkeiten bei der Lösung von relativ „banalen“
Alltagssituationen kann bei Unwissenheit von außen zu der
Einschätzung führen, dass die Betroffenen sich einfach nicht
anpassen wollen. Auf jede Unstimmigkeit und Unsicherheit erfolgt
eine heftige Reaktion des Betroffenen (Schreien, Willen durchsetzen,
Schlagen, Treten, eigene Schmerzufügung). Über ein solches Verhalten
versuchen sie von ihren eigenen Ängsten und Unsicherheiten
abzulenken, da sie nicht in der Lage sind, verbal zu benennen, was
sie so verunsichert. Wörter, wie z.B. Schimpfwörter, werden
stereotyp wiederholt, obwohl sie nicht erlaubt sind und entsprechend
sanktioniert werden. In der Regel ist ihnen die Begrifflichkeit und
deren Bedeutung überhaupt nicht klar. Es ist der Klang des Wortes,
der so fasziniert oder die genaue Beschreibung dessen, was sie
sehen. Motorische Unsicherheiten im Spiel mit Gleichaltrigen (Ball
spielen, Brettspiele) führen oft dazu, nicht mitzumachen. In der
Folge wird häufig das Spiel gestört, es wird nachgeäfft oder
provoziert, um von eigener Angst und Unfähigkeit abzulenken. Dadurch
ist es für die Betroffenen recht schwer, Kontakte zu Gleichaltrigen
aufzubauen und zu halten. Es fällt ihnen schwer, eigene Gefühle zu
beschreiben. Häufig machen die Betroffenen durch ihre Mimik oder
durch aggressives Verhalten (spontane Wutausbrüche ohne erkennbaren
Grund, autoaggressive Verhaltensweisen) auf sich aufmerksam. Aus den
Problemen im Verständnis von Kommunikation ergeben sich neue
Unsicherheiten. Mehr und Mehr ziehen sich diese Menschen bei
Misserfolgen auf ihre Spezialinteressen zurück und flüchten somit in
eine weitere Isolation. Sie eignen sich auf einigen Gebieten ein
enormes Fachwissen an. Altersgemäße Interessen treten somit in den
Hintergrund, die Betroffenen werden als „Sonderling“ abgestempelt.
Aus Angst, weiter ausgegrenzt zu werden, versuchen sie, die
Aufmerksamkeit auf ihre Spezialinteressen zu lenken. Dabei ist
jedoch auffällig, dass sie nicht in der Lage sind, ein
entsprechendes Gespräch darüber zu führen, sondern ihr Wissen, ohne
eingehen auf das Gegenüber, weitergeben. Es liegt eine
Wahrnehmungsstörung vor, die verhindert, dass Reize entsprechend
verarbeitet werden können, was somit zu einer Desorientierung und
Unsicherheit führt. Aus diesem Phänomen ergeben sich unkontrollierte
Verhaltensweisen, welche die Betroffenen in schwierige Situationen
bringen. Sie begreifen nicht, was falsch an ihrem Verhalten ist und
verstehen nicht, warum die Umwelt mit Sanktion oder Ausgrenzung (aus
der Schule, aus dem Verein,...) reagiert. Eltern, Erzieher und
Lehrer scheinen mit der Erziehung überfordert und nicht selten
ohnmächtig, da sie nicht wissen, wie sie mit dem Kind umgehen
sollen. Die unbeholfenen Reaktionen von Seiten der Eltern, Erzieher
und Lehrer führen zu einer unbewussten Ablehnung des Betroffenen,
wodurch unerwünschte Verhaltensweisen jedoch eher verstärkt als
abgebaut werden.
2. Der TEACCH Ansatz:
„TEACCH“ ist die Abkürzung für „Treatment and Education for
Autistic and related Communication handicapped Children“ und
bezeichnet ein inzwischen flächendeckendes staatliches Programm in
North Carolina, USA. TEACCH ist keine Methode oder Therapie, sondern
ein umfassendes Programm zur Förderung von Menschen mit Autismus.
Ausgehend aus den Ergebnissen der Forschungsprojekte von Eric
Schoppler wurde es vor fast 30 Jahren in Kooperation von
Universität, Elternvereinigung und staatlichen Stellen mit der
Zielsetzung, die unnötige Institutionalisierung von autistischen
Menschen zu verhindern, gegründet.
Den autistischen Menschen soll es ermöglicht werden, trotz ihrer
Beeinträchtigung ein Höchstmaß an Selbständigkeit und Lebensqualität
zu erreichen. Dabei müssen zwei Aspekte miteinander in Einklang
gebracht werden: das Ziel der größtmöglichen Integration in die
Gesellschaft und die Notwendigkeit eines speziellen Umfeldes, in dem
ein möglichst hoher Grad an Selbständigkeit erreicht werden kann.
Die Integration kann nur dann als gelungen bezeichnet werden, wenn
sie nicht zur Einengung von Verhaltensspielräumen und
Entwicklungsmöglichkeiten führt, sondern zu einer Erweiterung.
2.1.Grundsätze des TEAACH Konzeptes:
- Entsprechend dem aktuellen Forschungsstand wird Autismus als
eine hirnorganisch bedingte kognitive Störung, die bisher nicht
heilbar ist, gesehen. Autistische Menschen sind Zeit ihres Lebens
durch diese Beeinträchtigung eingeschränkt. Daher muss auch die
Möglichkeit einer lebenslangen Unterstützung und Betreuung in allen
Lebensbereichen gewährleistet sein.
- Die Förderung autistischer Menschen findet in Form eines
Zwei-Wege-Ansatzes satt. Menschen mit einer autistischen Störung,
können, bildlich gesprochen, wie Menschen einer anderen Kultur
gesehen werden. Sie nehmen die Welt anders wahr, lernen anders,
haben andere Werte, andere Regeln, andere Interessen. Trotzdem leben
sie in einer Welt, die von unserer „nicht autistischen Kultur“
geprägt ist und die entsprechende Anforderung an sie stellt.
- Um möglichst unabhängig leben zu können, müssen sie bei der
Entwicklung von Fertigkeiten und Fähigkeiten unterstützt werden, die
ihnen bei der Bewältigung dieser Anforderungen helfen. Gleichzeitig
müssen wir aber auch auf sie zugehen und die Umwelt so gestalten,
dass die durch die autistische Störung
verursachten Defizite und Schwierigkeiten weitgehend kompensiert
werden und so das Erlernen neuer Verhaltensweisen überhaupt erst
möglich wird.
- Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen sich die Personen, die
professionell mit autistischen Menschen arbeiten, als „Generalisten“
verstehen. Gemeint ist damit, dass sie nicht nur Fachleute für ihr
Spezialgebiet (z.B. Psychologie, Heilpädagogik, Logopädie,
Psychomotorik) sind, sondern auch Fachleute für Autismus. Sie müssen
alle Aspekte der autistischen Störung kennen, um verstehen zu
können, wie die Welt von ihren autistischen Klienten wahrgenommen
wird. Nur so sind sie in der Lage, auf sie einzugehen und
angemessene Förderangebote zu entwickeln.
Der Zusammenarbeit mit den Eltern wird ein hoher Stellenwert
beigemessen. Während Professionelle ihr Wissen als „Fachleute für
Autismus“ einbringen können, sind die Eltern „Fachleute für ihr
Kind“. Sie haben in der Regel die meisten Informationen über die
Stärken, Interessen und speziellen Probleme ihres Kindes sowie über
vorhandene Rahmenbedingungen und die Anforderungen, mit denen sie
und ihr Kind sich in ihrem Lebensumfeld konfrontiert sehen. Ohne
ihre Kooperation ist eine effektive Förderung, die in den Alltag des
Kindes integriert sein muss, kaum möglich. In stationären
Einrichtungen wird entsprechend eine enge Zusammenarbeit zwischen
den verschiedenen Lebensbereichen (Wohnbereich, Schule,
Arbeitsplatz) angestrebt.
Autistische Menschen sind sehr unterschiedlich in ihren Stärken,
Schwächen und Interessen, vermutlich unterschiedlicher als Personen
jeder anderen Zielgruppe. Ein wesentliches Merkmal der autistischen
Störung ist ja gerade das unausgeglichene Entwicklungsprofil, das es
nicht ermöglicht, von Fähigkeiten in einem Bereich auf Fähigkeiten
in einem anderen zu schließen. Das bedeutet, selbst autistische
Menschen mit einer vergleichbaren Ausprägung der autistischen
Störung und einem ähnlichen Entwicklungsniveau können völlig
verschieden sein in den Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen
haben und in Art und Ausmaß der Unterstützung, die sie benötigen.
Daher ist die Individualisierung der Förderung von zentraler
Bedeutung. Jede Person braucht ihr ganz spezielles Angebot und bei
jeder Intervention ist zu fragen, weshalb sie gerade für diese
Person von Nutzen sein könnte.
Um die Förderprogramme individuell auf jede Person zuschneiden und
immer wieder anpassen zu können, werden umfassende und aktuelle
Informationen über ihre Fähigkeiten, Interessen und speziellen
Problemen in vielen verschiedenen Lebensbereichen benötigt. Damit
erhält die Diagnostik, speziell die Förderdiagnostik, einen hohen
Stellenwert.
Die darauf aufbauende Intervention setzt nicht an den Defiziten,
sondern immer an den Stärken und Interessen der Betroffenen an und
versucht diese zu nutzen, um die Schwächen auszugleichen. Von
besonderer Bedeutung in der konkreten Förderplanung sind die
Fähigkeiten, die bereits ansatzweise vorhanden sind und durch
gezielte Unterstützung am erfolgreichsten weiterentwickelt werden
können.
Wie bereits erwähnt, ist der TEACCH Ansatz keine spezielle Methode,
sondern lässt sich eher als integratives pädagogisches Rahmenkonzept
mit lerntheoretischer Basis verstehen. Mit diesem Konzept soll für
den autistischen Menschen quasi eine „Prothese“ angeboten werden,
mit der die im Falle des Autismus nicht sichtbare- Behinderung
ausgeglichen wird.
Menschen mit Autismus sind beeinträchtigt in der Fähigkeit, die
einzelnen Wahrnehmungsaspekte ausreichend zu strukturieren und den
Sinn zu entnehmen. Die Umwelt bleibt chaotisch, unverständlich und
damit nicht zu bewältigen. Eine erfolgreiche Intervention muss daher
an diesem Punkt ansetzen und eine Strukturierung von außen bieten,
so dass die Erfahrungen von außen verarbeitet, Ängste reduziert und
Lernprozesse ermöglicht werden können.
3. Wie kann mit diesem Störungsbild adäquat umgegangen werden?
3.1. Kognitive Besonderheiten, die das Lernen erschweren:
Die Betroffenen zeigen die Tendenz, sich an ungewöhnlichen, für die
Situation nicht relevanten Merkmalen zu orientieren und die
Situation nicht als Ganzes zu erfassen, was dann zu
Generalisierungsschwierigkeiten führt. Das bedeutet, dass etwas
Gelerntes nicht wie selbstverständlich auf eine andere Situation
übertragen und dort angewendet werden kann, weil der Zusammenhang
nicht erkannt wird. Es ist für diese Menschen oft schwierig,
komplexe Aufforderungen (Gehörtes in Verbindung mit Gesehenem) zu
verarbeiten, da die gerichtete Aufmerksamkeit nicht schnell von
einem Sinneskanal (Sehen) zu einem anderen (Hören) gewechselt werden
kann. Dies kann unter Umständen zu sehr verzögerten oder gar
ausbleibenden Reaktionen führen.
Auch die hohe Ablenkung ist ein typisches Problem. Dies kann mit
sensorischen Überempfindlichkeiten, insbesondere im auditativen
Bereich, zusammenhängen, da einfach mehr Reize wahrgenommen werden,
die die Aufmerksamkeit beanspruchen können.
Besonders häufig treten auch Schwierigkeiten mit räumlicher
Orientierung auf. Es besteht Unklarheit darüber, wo etwas hingehört,
wo man sich selbst befindet oder, wo man sich aufhalten soll.
Verständnisprobleme, also Schwierigkeiten im Erfassen von Bedeutung
können eine Ursache hierfür sein: Die Umwelt und die von den
Mitmenschen verwendete Sprache (Ortsbezeichnung) ist für den
Betroffenen nicht eindeutig genug. Doch auch Gedächtnisprobleme
(Arbeitsspeicher) können hier eine Rolle spielen. Es ist durchaus
denkbar, dass der Betreffende Schwierigkeiten hat, sich daran zu
erinnern, wo er sein soll, bzw. wohin er unterwegs ist, wenn er
zwischendurch angesprochen wird oder daran denken muss, wie er sein
Ziel erreichen kann.
Ein verbreitetes Problem ist auch die Schwierigkeit, Entscheidungen
zu fällen, die eine eigene Einschätzung erfordern. Das Grundproblem
liegt in der Unfähigkeit, aus verschiedenen Beispielen einer
Kategorie eine abstrakte Vorstellung oder ein allgemeines Schema zu
entwickeln.
All die hier aufgezählten typischen Probleme, die sich aus der
Besonderheit der kognitiven Verarbeitung (Wahrnehmung,
Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Analyse und Verknüpfung von Information)
ergeben, können das Lernen und Handeln gravierend erschweren. Um mit
diesen Menschen arbeiten und umgehen zu können, muss man um diese
Schwierigkeiten wissen und durch kompensierende Maßnahmen
entgegenwirken.
3.2. Strukturierung und Visualisierung im täglichen Umgang:
Strukturierung dient dem Vermitteln von Bedeutungen. Für die
Betroffenen kann nur eine klare Strukturierung der Lebenswelt und
der Interaktionsangebote eine Hilfe sein, Situationen durchschaubar
zu machen und das zu verstehen, was um sie herum vorgeht. Verstehen
wiederum ist die Basis für gezieltes und effektives Handeln, so dass
oft erst durch die Strukturierung eine Kommunikation mit der Umwelt
ermöglicht wird. Denn Struktur gibt Regeln vor, nach denen etwas
getan, geordnet, gegliedert werden kann. Sie hilft Zusammenhänge
erkennen, sie dient der Orientierung, schafft Sicherheit durch
höhere Vorhersehbarkeit und erleichtert somit auch die
Entscheidungen und das eigene Handeln. Durch Struktur werden
räumliche und zeitliche Bezüge deutlich: sie klärt Erwartungen, die
an einen gestellt werden, und steckt auch den Rahmen dessen ab, was
man selbst erwarten kann. Dies wiederum bedeutet, dass Struktur
sowohl Hilfe zum Verstehen, als auch Hilfe zum Handeln ist.
3.2.1. Strukturierungshilfen:
Strukturierung der Zeit:
Zeitliche Orientierung beginnt damit, zu wissen, was als nächstes
auf einen zukommt, und mündet in einem langfristigen Überblick über
zukünftige Ereignisse. Unsicherheit kommt auf, wenn man nicht weiß,
was als nächstes passieren wird, ob ein gewünschtes Ereignis auch
eintreffen wird und wann es soweit ist. Aussagen wie: „warte noch
ein bisschen“, „das machen wir gleich“, sind sehr schwammig und
unkonkret. Jemand der Schwierigkeiten hat, sich Reihenfolgen zu
merken oder ein Gefühl für Zeit zu entwickeln, wird davon
profitieren, wenn man die Folge von Ereignissen visuell darbietet
und Anfang und Ende einer Aktivität, sowie deren Dauer konkret
erfahrbar macht.
Für die Strukturierung der Zeit gilt es also, die Zukunft in für den
Betreffenden überschaubare Abschnitte einzuteilen und diese deutlich
voneinander abzugrenzen. Was „überschaubare“ Abschnitte sind ist für
jeden Betroffenen individuell festzulegen. Der umfasste Zeitraum
kann von einem kurzen Tagesabschnitt bis hin zum Jahresplan alles
beinhalten. Bei solchen Plänen wird sichtbar, warum was bevorsteht
und wie lange es noch dauert, bis etwas eintrifft. Wesentlich in der
Handhabung jedweder Pläne ist dabei immer, dass die Darstellungen,
die die einzelnen Aktivitäten repräsentieren, vom Plan abgenommen,
durchgestrichen oder abgehakt werden. Nur so wird für diese Menschen
das Vorgehen von Zeit konkret nachvollziehbar.
Strukturierung des Raumes:
Desorientierung kann entstehen, wenn ein Raum unübersichtlich ist.
Wenn nicht zu erkennen ist, wo ein Raum beginnt und wo er endet.
Oder aber, wenn die räumliche Zuordnung für Objekte oder Aktivitäten
nicht eindeutig ist. Oft entsteht Verwirrung auch durch Unklarheit
in den räumlichen Bezeichnungen, die wir als selbstverständlich
verwenden, die jedoch missverständlich und interpretationsbedürftig
sind.
Was genau bedeutet zum Beispiel: „Warte an der Tür?“ Oder „Bleibe in
der Gruppe?“
Räumliche Orientierung kann erleichtert werden, indem man die
einzelnen Bereiche für gesonderte Aktivitäten klar voneinander
abgrenzt und sie somit eindeutig definiert. Bereits durch die in den
einzelnen Bereichen vorhanden Materialien wird die Funktion des
jeweiligen Bereiches deutlich.: Spielsachen in die Spielecke, Bücher
in die Lesecke, Grill am Grillplatz. Schon dadurch, dass man sich an
einem bestimmten Ort befindet z.b. in der Malecke wird deutlich, was
einen dort erwartet und von einem erwartet wird: in diesem Beispiel
malen, nicht essen oder schreiben.
Die Abgrenzung solcher Bereiche kann durch physische Grenzen, wie
Möbel, Regale, Raumteiler usw. erfolgen. Man kann Markierungen
(Klebestreifen auf dem Boden), Teppiche oder farblich abgegrenzte
Fliesen einsetzen. Orte können mit Schildern, bildlichen Hinweisen
oder Klebepunkte bezeichnet werden. So kann man z.b. eine
Teppichfliese neben die Tür legen und damit signalisieren, wo man
stehen soll, wenn gesagt wird „warte an der Tür“. Durch Einsetzen
dieser Mittel werden räumliche Bezeichnungen konkret und leichter
verständlich.
Zur räumlichen Gestaltung gehört neben dem Einsatz visueller Hilfen
natürlich auch die sinnvolle Raumaufteilung.
Strukturierung von Aktivitäten:
Unstrukturierte Zeiten, die wir als Freizeit empfinden, sind für
autistische Menschen die schwierigsten und stressigsten Zeiten. Oft
wissen sie nicht, was sie überhaupt tun können. Doch selbst wenn,
haben sie große Schwierigkeiten, ihre Handlungen zu organisieren.
Sie wissen nicht, wie sie anfangen sollen, welche Schritte in
welcher Reihenfolge zu tun sind und wann sie fertig sind.
Daher ist es wichtig, Aktivitäten soweit vorzustrukturieren, dass
genau diese Informationen gegeben werden: Was ist zu tun? Wie viel
ist zu tun? Wann bin ich fertig? Was kommt danach?
Routinen als Strukturierungshilfen
Autistische Menschen neigen dazu, eigene Routinen zu entwickeln und
an ganz bestimmten Abläufen festzuhalten. Diese Neigung wird
genutzt, um produktive Routinen aufzubauen, die bei der Bewältigung
von Standardsituationen hilfreich sein können. Im Gegensatz zu den
bisher dargestellten Strukturierungshilfen ist der Aufbau von
Routinen eine nicht visuelle Maßnahme zur Strukturierung von
Handlungsabläufen. Durch das Einüben bestimmter Vorgehensweisen
werden Strategien entwickelt, die ein effektives Handeln
erleichtern. Eine solche Routine beinhaltet zum Beispiel, nach
Beendigung einer Aktivität weitere Informationen über bevorstehende
Ereignisse (Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen, spielen...) vom
Tagesplan zu holen. Das routinemäßige auf den Plan schauen, dient
dazu, sich selbständig zu orientieren, und kann bei Unsicherheit den
Rückgriff auf die Hilfe des Plans erleichtern.
4. Zusammenfassung:
Der TEACCH Ansatz spricht von einer „autistischen Kultur“. Damit
ist gemeint, anzuerkennen, dass Personen mit autistischen Störungen
„unsere Welt“ anders erleben und die Verhaltensweisen ihrer
nicht-autistischen Mitmenschen daher oft nicht verstehen. Wenn wir
versuchen, die Welt aus dem Blickwinkel des Betroffenen zu sehen,
können wir Missverständnisse eher aufdecken und wirksame Hilfen zur
Orientierung geben. Das ambulante Angebot versteht sich nicht als
ein Angebot im therapeutischen Sinne. Es versteht sich als
„Dolmetscher“ für Eltern, Erzieher, Lehrer. Es kann die Brücken
schlagen, die der betroffene Personenkreis braucht, um sich in
unserer Welt und Kultur zurechtzufinden. Die Zusammenarbeit mit den
Eltern, der Schule und anderen Bezugspersonen ist dabei
unverzichtbar. Für eine sinnvolle Zielplanung sind Beobachtungen und
Informationen vom oben genannten Personenkreis unentbehrlich. Aus
diesem Grund ist es erforderlich, den Bezugspersonen eine aktive
Rolle bei der Förderung des betroffenen Personenkreises zukommen zu
lassen. Das ambulante Angebot ist ein beratendes Angebot, das
Hilfestellung zur Umsetzung einer strukturierten Umgebung gibt.
Wichtig in der Arbeit mit dem betroffenen Personenkreis ist es, die
kognitiven Fähigkeiten und besonderen Schwierigkeiten in der
Informationsverarbeitung zu erkennen und zu berücksichtigen. Nur so
ist es möglich, Verhaltensweisen zu verstehen, darauf einzugehen und
gemeinsam daran zu arbeiten. Individuelle Interventionen beinhalten
neben Angeboten zur direkten Entwicklungsförderung auch die
Gestaltung der Umwelt., um die jeweiligen Stärken optimal zu nutzen
und die Auswirkung der Schwächen zu minimieren. Kernaspekte im
methodischen Umgehen sind dabei die Strukturierung der Umwelt, sowie
die visuelle Verdeutlichung der Struktur von Raum, Zeit,
Arbeitsorganisation und Material. Auf diesen Ebenen ergeben sich
Möglichkeiten von konstruktiven Routinen, die Sicherheit geben und
die Systematik des eigenen Handelns (des Betroffen, sowie seines
Bezugssystems) zu erleichtern.