Die angenommene Erweiterung der Möglichkeiten menschlicher
Entwicklung und Entfaltung in und durch unsere moderne Gesellschaft
geht tatsächlich mit einer starken Verarmung an sinnlicher
Wahrnehmung, an sinnlich-praktischem Wissen, an Gestaltungsvermögen
und an den auf diesen Tätigkeiten aufbauenden psychischen rationalen
und sozialen Fähigkeiten einher.
Auf diesen Mangel lassen sich wesentliche Probleme hilfebedürftiger
bzw. hilfesuchender junger Menschen zurückführen. In der weiteren
Entwicklung können diese Probleme oftmals durch verstärkte und
intensive Hilfebemühungen und Angebote gelöst werden. Häufig sind
Kinder und Jugendliche aber, deren versäumte Ausbildung der
Persönlichkeit und deren versäumte Erfahrung an Selbstgefühl und /
oder Zusammenleben mit anderen zu besonderen
Verhaltensauffälligkeiten führte, (emotionale Verwahrlosung,
Leistungsverweigerung, besondere antisoziale Verhaltensweisen,
besondere Gewaltbereitschaft usw.) auch mit Regelangeboten der
Jugendhilfe nicht mehr zu erreichen oder nicht mehr „zu verkraften“.
Häufig haben diese Kinder / Jugendlichen unterschiedliche
Jugendhilfeeinrichtungen durchlaufen bzw. mehrfache
Psychiatrieaufenthalte hinter sich.
Für diese Kinder / Jugendlichen bieten wir in dem vernetzenden
Modellprojekt sozialpädagogisch konzeptionierte Lebensbedingungen
an, durch die sie Wissen über mögliche und notwendige Bedingungen
des Lebens und seiner Entfaltung, sowie die Erkenntnis störender
Mechanismen und zerstörerischer Verhältnisse erfahren und somit ein
eigenes Entscheidungsvermögen erlernen können.
Diese Förderung und Entfaltung freier Lebenstätigkeit läßt sie eine
Lebensqualität erfahren, welche die Fähigkeiten und den Willen
stärken, Verhaltenssicherheiten im Umgang mit sich selbst und der
Umwelt zu gewinnen, gegen ein eigenes Fehlverhalten wie gegen
schädigende oder behindernde Bedingungen von außen.
2. Lage:
Für dieses spezielle Hilfeangebot bewohnen wir ein vor ca. 20 Jahren
vollständig umgebautes ehemaliges Bauernhaus in Alleinlage in
ländlicher Gegend von Ottmarsbocholt (Senden), ca. 15 km südlich von
Münster. Das Haus hat ca. 450 qm Wohn- und Nutzflächen. Es bietet 6
Kindern / Jugendlichen Einzelzimmer mit Gemeinschaftsduschen /
-bädern. Es hat ein großes Wohnzimmer, Küche mit Eßzimmer,
Erzieherzimmer, einen Büroraum, Hauswirtschafts-/ Abstellräume,
sowie Kreativ-, Aktionsräume und bietet damit dem Konzept
entsprechend alle notwendigen Differenzierungsmöglichkeiten. Zum
Haus gehört eine Scheune, dort befindet sich Räume für
Kampfkunsttraining und Körperfitnesstraining mit weiteren
Nutzungsmöglichkeiten und ein ca. 3.700 qm großes Grundstück.
3. Aufnahme:
Rechtliche Grundlage für eine Aufnahme sind die §§ 27, 34, 35 und
35a KJHG.
Aufnahmeanfrage / Schriftliche Anfrage.
Der schriftlichen Anfrage sind bereits alle dem Jugendamt
vorliegenden Informationen (Berichte, Gutachten, Urteile etc.) über
den/die Hilfesuchende beigefügt.
Die schriftliche Anfrage formuliert den Hilfebedarf aus Sicht des
Jugendamtes ( Indikation, strukturelle Bedingungen, Pädagogisches
Setting, Psychologischer Bedarf, zeitlicher Rahmen der Hilfeleistung
etc.). Die Berichte, Gutachten, Urteile etc. werden vom
interdisziplinärem Dienst, den päd. Mitarbeitern des
Modellprojektes, der Leitung und ggf. unter Hinzuziehung anderer
Fachdisziplinen bearbeitet.
Nach dem Studium der Unterlagen findet ein Fachgespräch statt. An
diesem Fachgespräch sind alle Fachleute, die gegenwärtig mit dem/der
Jugendlichen befaßt sind, beteiligt. Aus der Einrichtung des Ev.
Kinderheimes Herne nehmen an diesem Fachgespräch auf jeden Fall die
Mitarbeiterin des interdisziplinären Dienstes, ein/e MitarbeiterIn
des Modellprojektes „Leben lernen“ und ein/e MitarbeiterIn der
Heimleitung teil. Andere Fachkräfte (Kinder- u. Jugendpsychiater,
FamilientherapeutIn etc.) werden bei Bedarf hinzugezogen.
Sollten nach dem Fachgespräch alle Beteiligten das Hilfeangebot für
das Kind für geeignet halten, findet ein Informationsgespräch statt.
Das Informationsgespräch dient der Information des/der Jugendlichen
und der Eltern. Der/die Jugendliche und die Eltern werden hier
ausführlich über die Rahmenbedingungen, die Aufnahmevoraussetzungen,
das Hilfeangebot, die bisherigen Erfahrungen mit der pädagogischen
Hilfe, den zeitlichen und inhaltlichen Ablauf der Diagnosephase und
den zeitlichen Ablauf des Hilfeprogramms informiert.
Dem Kind/ Jugendlichen sollen Informationen gegeben werden, die ihm
eine Möglichkeit zur Entscheidung geben.
Sollte das Kind / der Jugendliche sich für diese Hilfe entscheiden,
werden Diagnostiken mit psychiatrischen, testpsychologischen und
sozialpädagogischen Befunden, sowie eine umfassende Anamnese
erstellt.
Hierauf folgend wird ein detaillierter Hilfeplan erstellt, der auch
die Grenzen und Möglichkeiten des bisherigen Verhaltens des Kindes /
Jugendlichen benennt (zusammenfassende Beobachtung, Reflexion und
Selbsteinschätzung seines alltäglichen Verhaltens, wie auch der
extremen Verhaltensauffälligkeiten), Teilziele, Methoden und
Didaktik beschreibt und festlegt, mit denen die Ziele erreicht
werden sollen und welche Professionen wann/wie unterstützend,
begleitend und/ oder autoritativ zu beteiligen sind.
Erst wenn diese Vorbereitungsphase abgeschlossen ist, im
Hilfeangebot die geeignete Hilfe ausdrücklich festgestellt wird
(nicht wegen fehlender Alternativen) und die Hilfe entsprechend dem
erarbeiteten Hilfeplan beginnen kann, wird das Kind / der
Jugendliche in das Modellprojekt aufgenommen.
Sollte entgegen diesem geplanten und qualifizierten
Aufnahmeverfahren dennoch einmal eine ‚ad-hoc'-Aufnahme notwendig
sein, kann dieses als Claering-Verfahren in Räumlichkeiten angeboten
werden, die von denen der übrigen Betreuung abgetrennt werden
können. Das Ergebnis dieses Claering-Verfahrens bestimmt, ob das
Kind / der Jugendliche in das Modellprojekt aufgenommen werden kann.
Zielgruppe:
Aufgenommen werden Mädchen und Jungen im Alter zwischen 12 und 16
Jahren, bei denen in mehreren Bereichen der Persönlichkeit* schwere
Störungen der charakterlichen Konstitution und des Verhaltens
vorliegen, und die mit persönlichen und sozialen Beeinträchtigungen
einhergehen. Bei den Störungen handelt es sich um:
● Deutliche Unausgeglichenheit in den
Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie
Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmung und Denken sowie
in den Beziehungen zu Anderen.
● Ein andauerndes und gleichförmiges
auffälliges Verhaltensmuster.
● Das auffällige Verhaltensmuster ist
tiefgreifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen
eindeutig unpassend.
● Die Störung ist meistens mit deutlichen
Einschränkungen der beruflichen / schulischen und sozialen
Leistungsfähigkeit verbunden.
Von einer Aufnahme ausgeschlossen sind Zustandsbilder die auf
Hirnschädigungen oder Krankheiten zurückzuführen sind.
5. Förderziele:
Planmäßige Ziele der intensiven pädagogischen Betreuung sind, in
einem kreativen pädagogischen Prozeß die nicht erkannten Stärken und
Fähigkeiten des einzelnen Kindes / Jugendlichen erfahrbar zu machen,
um damit eine Lebensqualität definieren zu können, welche die
Symptome der Auffälligkeiten abbaut, seine Fähigkeiten und seinen
Willen stärken und um Verhaltenssicherheiten im Umgang mit sich
selbst und der Umwelt zu gewinnen.
Diese intensive sozialpädagogische Betreuung hat den Anspruch, die
Kinder / Jugendlichen aus ihrer Rolle als pädagogische Objekte der
Jugendhilfe herauszunehmen und ihnen ein Erfahrungsfeld zu bieten,
in dem sie Wissen über sich selbst und ihre Umgebung erwerben.
Darüber hinaus hat dieses intensive sozialpädagogische Angebot das
Ziel, angeleitete Selbsterziehung durch Belebung und Ausbildung
schöpferischer Kräfte zu sein und mögliche und notwendige
Bedingungen des Lebens und seiner Entfaltungen, sowie die sichere
Erkenntnis störender Mechanismen und zerstörerischer Verhältnisse
erfahrbar zu machen, um das eigene Enscheidungsvermögen zu fördern
und eigene Sicherheiten auszubauen.
● Bewältigung individueller Problemlagen
und Eröffnung neuer Erlebnis- und Selbsterfahrungsräume und
Handlungsmöglichkeiten
● Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit
sich und seiner Lebenssituation
● Entwicklung von Strategien zur
Konfliktbewältigung und zum Abbau innerer Spannungen
● Lernen, eigene Grenzen zu erkennen und
Grenzen anderer zu akzeptieren, bewußte Auseinandersetzung mit der
Regulierung von Nähe und Distanz
● Auseinandersetzung mit Sexualität,
Beziehung zum eigenen Körper und zur Partnerschaft
● Einübung demokratischer Regeln und
Beteiligungsformen
● Sinnvoller Umgang mit Freizeit,
aktivieren der Wahrnehmung von Freizeitaktivitäten
● Wahrnehmungsfähigkeit eigener Stärken
und Schwächen
● Unterstützung bei der inneren
Auseinandersetzung mit Eltern/ Bezugspersonen
● wenn möglich und sinnvoll: Kontakt zu
Eltern / Bezugspersonen
● wenn möglich und sinnvoll: Begleitung
der Kontakte zwischen Betreuten und Eltern / Bezugspersonen
● Bearbeitung traumatischer Erlebnisse
● schulische und berufliche Förderung
6. Methoden:
Dieses intensive sozialpädagogische Angebot ist in seinem Tages-/
Wochenablauf sehr stark strukturiert. Die hierfür notwendigen
differenzierten und detaillierten Rahmenbedingungen geben
Sicherheit. Je nach Entwicklungsstufe können Freiräume erarbeitet
werden, die eine Differenzierung innerhalb des Hilfeangebotes
notwendig machen. Neben den eine solche Struktur bedingenden
sozial-/ verhaltenstherapeutischen Ansätzen arbeiten wir hier
intensiv mit klassischen heilpädagogischen und motopädagogischen/-therapeutischen
Methoden. Besondere Schwerpunkte der methodischen Arbeit sind:
- Aggressionsabbautraining durch unterschiedlichen Formen der
taoistischen
Kampfkunst (H.E.A.R.T. - Konzept)
- der Tagesablauf wird durch ein Verstärkerprogramm begleitet
- soziale Gruppenarbeit
- therapeutische Kompetenzgruppe
- Sozialverträge
- Wahl-/Pflichtgruppenveranstaltungen
- pädagogisches Antragswesen
7. Zusammenarbeit:
Die Mitarbeiter dieses Projektes arbeiten mit allen Schulen,
Schulformen einschließlich der Schule für Erziehungshilfen, sowie
Zentren der beruflichen Förderung zusammen. Alle im Lebensfeld
dieser Kinder / Jugendlichen liegenden medizinischen,
therapeutischen und freizeitpädagogischen Angebote können
wahrgenommen werden.
Dieses Projekt hat in sofern modellhaften Charakter, als die Ev.
Kinderheim Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH und die Kinder-
und Jugendpsychiatrie in Datteln eine besonders verbindliche und von
gemeinsamer Verantwortung bestimmte enge Kooperation praktizieren.
Dieses heisst, dass durch die Klinik für das Modellprojekt
kontinuierlich psychiatrische Beratung, Kriseninterventionen und
Therapien durchgeführt werden.
Das Projekt wurde von Anfang an in allen Bereichen (Vernetzung,
Differenzierung, Diagnostik, Evaluation etc.) von der Fachhochschule
Dortmund wissenschaftlich begleitet.
8. Einbindung in die Institution:
Regelmäßige Fachberatungen, Teamgespräche und Coachings werden durch
die pädagogische Leitung der Jugendhilfeeinrichtung gewährleistet,
Diagnostik, Therapie und Krisenintervention durch den
interdisziplinären therapeutischen Dienst des Kinderheimes
sichergestellt.
Fall- und Teamsupervision werden von externen Fachkräften geleistet.
Außerdem können alle weiteren Dienste/Fachkräfte der Einrichtung in
Anspruch genommen werden, wie Freizeitpädagoge, Lehrer,
Qualitätsbeauftragter, Fahrdienst etc.
9. Weiterführende und ergänzende Maßnahmen:
Andere Angebote unseres Hauses, die Sie auf unserer Website
http://www.ev-kinderheim.herne.de finden, können ebenfalls
wahrgenommen werden.
10. Zusammenarbeit mit den Jugendämtern:
Die Modalitäten für die Zusammenarbeit mit Jugendämtern ergeben sich
zum einen aus dem KJHG, zum anderen aus Absprachen und
Notwendigkeiten im einzelnen Fall. Im Sinne eines funktionierenden
vernetzenden Angebotes ist es notwendig, dass auch Vertreter der
Jugendämter von Anfang an und dauerhaft intensiv an der Gestaltung
des Hilfeprozesses beteiligt sind.
11. Mitarbeiter:
In diesem Hilfeangebot sind ausschließlich Diplom-SozialpädagogInnen
/ Diplom-SozialarbeiterInnen mit Zusatzausbildungen oder
vergleichbarer Profession beschäftigt, von denen die meisten über
langjährige Erfahrung in der Arbeit mit stark gestörten Kindern und
Jugendlichen verfügen.